MedienABC

Sprache, Schrift und Medienbildung in der Grundschule

Fernsehen und Multitasking


Sunday afternoon
von cutestmidget

Meine Großmutter hat ein halbes Leben lang einen Haufen Enkerl mit herrlichen Pullovern versorgt, die sie gestrickt hat, während der Fernseher lief. Statistisch gesehen hat sie wohl dabei viel ferngesehen, aber dennoch hat sie dabei, typisch für eine Frau ihrer Generation, die Hände  nie in den Schoss gelegt, sondern immer für ihre Familie gearbeitet.

4 Stunden am Tag. So lange sieht der Mitteleuropäer im Durchschnitt täglich fern. schreibt Hans Weingartner in seiner Einführung zu seinem neuen Film Free Rainer. Er schliesst, dass nach arbeiten, essen und schlafen demnach die Mitteleuropäer 80% ihrer Freizeit vor dem Ferseher verbringen – Das bedeutet: 1 Stunde am Tag zum Leben. – aus seiner Sicht deprimierend.

Ich finde diese ewige gleich einseitige und undifferenzierte Argumentation etwas ermüdend, auch wenn ich die Idee für den Film (ich habe ihn nicht gesehen) und das Thema Quotenerfassungsystem interessant ist. Weingartner mag das Quotensystem zurecht kritisieren, die Mediennutzungsstatistiken stellt er anscheinend aber nicht in Frage.

Diese Perspektive auf den ‚Medienkonsumenten‘, der vermeindlicherweise stundenlang hypnotisiert auf der Couch sitzt, und die auf rein quantitativen Angaben zu Mediennutzugsverhalten beruht, ist problematisch. Eine einfache Frage wie „Was sehen Sie im Fernsehen ?“ oder „Wie lange sehen Sie fern?“ ist gar nicht so leicht zu beantworten, wie man glauben möchte. Heisst das, wenn ich mich dabei hinsetze und konzentriert zuschaue? Oder wenn der Fernseher läuft, während ich mich im gleichen Raum oder in der Wohnung aufhalte? Zählt auch, wenn eigentlich mein Partner oder mein Kind etwas anschaut und ich nebenbei mitbekomme, was so läuft?

Marcus Banks weist hier auf verschiedene ethnographische, psychologische und soziologische Studien hin, wie zum Beispiel James Lull (1990) Inside Family Viewing, welche zeigen, dass der soziale Gebrauch von Medien viel komplexer ist als man aus einfachen Zuseherstatistiken entnehmen kann und dass die Bedeutung des Fernsehens im Leben der Menschen möglicherweise wesentlich überbewertet wird. Es sagt:

Sociological and psychological studies as this have revealed what most of us already know from our own experience: that most Euro-Amercans spend a great deal of time not watching televison when it is on.

Tatsächlich läuft der Fernseher oft im Haushalt, während viele andere Tätigkeiten gleichzeitig ablaufen, und manche Forscher wie auch Fernsehmacher gehen davon aus, dass der Gebrauch des Fernsehers oft eher dem eines illustrierten Radios gleicht – das heisst man hört nebenbei zu und sieht manchmal hin.

Banks führt dann weitere Beispiele aus eigener Forschung an, in denen gezeigt wird, wie zum Beispiel auch in indischen Dörfern der laufende Fernseher nur eine Nebenrolle spielt, gleichzeitig mit vielfältigen häuslichen Tätigkeiten und sozialen Interaktionen.

Banks selbst vergleicht die Rolle des Fernsehers und seine materielle Präsenz in einem Haushalt mit einem älteren Verwandten, ich sage mal einem schrulligen Onkel, der meistens in seinem Lieblingssessel in der Ecke sitzt, gerne vor sich hinmurmelt und hin und wieder etwas Interessantes sagt. Ich interpretiere weiter, er ist ein liebenswertes, manchmal lustiges, vielleicht auch manchmal etwas nerviges Familienmitglied und man schenkt ihm Aufmerksamkeit, aber in Maßen.

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